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Gedichte von der Liebe und der Liederlichkeit

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05.07.2008ROLAND HEER

Unter diesem Namen versammelt der Berner Lyriker Raphael Urweider (*1974) neue Gedichte. Nach «Lichter im Menlo Park» (2000) und «Das Gegenteil von Fleisch» (2003) ist das bereits sein dritter Band. Den Anfang machen je zwei Gedichte über die vier Jahreszeiten, dann folgt ein «Reigen» betitelter Zyklus von 26 Gedichten, alphabetisch nach den Namen von Herz- oder Schmerzdamen geordnet, und zum Abschluss («Selbstversuch») werden uns 10 Prachts-Gedichte über ebenso viele prächtige Schnäpse kredenzt – geordnet so, wie es die alkoholische Versuchsanlage wohl forderte. Urweider lesend taumeln wir durch die Jahreszeiten, buchstabieren uns in einer ähnlichen Bewegung durch die (Un)Möglichkeiten der Liebe und trösten (retten, verlieren?) uns mit den zur Verfügung stehenden Eaux-de-vie. Urweider hängt die Ozeane zum Trocknen an die Wand, hört der Bise beim Frieren zu und hüpft stolz wie der Spatzenbock in den noch nackten, weissen Baum – aber er scheut auch nicht den lakonischen Ton, sowenig wie Banalitäten, vor allem im Zyklus, wo all die verflossenen oder erträumten Geliebten besungen werden, querbeet von Antonia bis Zoe. Er beschenkt uns mit der Sprachgewalt eines Wortsüchtigen, der das Hülsenhafte der Wörter erkennt und es doch nicht lassen kann, zum Glück für uns Lesende. Es sind ironisch-melancholische Tiraden der Vergeblichkeit: Ja, Schnapsideen, aber in hochprozentige Gedichte übergeführt; Verlorenheitsräusche in blauen Wörtern, aber kein blauer Dunst – sondern leuchtende Bilder, manchmal schreiend hell, irrwitzige Schnitte ins Seelenfleisch, hochprozentige Wasserfälle die Kehle hinab und von da grad ins Hirn, lallend, hicksend und immer wieder ganz nahe an der Wahrheit – wie bei einem richtig schönen Rausch. Raphael Urweider, der unter anderem auch selbstironische Magier, schreibt mit zerbrochenem Zauberstab, und er weiss es; wir hören gebannt diesen Hymnen, die wissen, dass sie letztlich vor allem sich selber besingen. Das tönt vielleicht nach wenig. Es ist aber viel, sehr viel, in Zeiten, wo die Wörter immer weniger werden – und die, die sie lesen, leider auch.

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