Löwen Löwen
Venezianische Spiegelungen

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24.03.2004BETTINA SPOERRI

Hellwach und traumversunken Für die Monate von Oktober 2002 bis März 2003 erhielt der neue Gottfried-Keller-Preisträger Klaus Merz von der Forberg- und der Steinbergstiftung ein Aufenthaltsstipendium in Venedig; hier ist «Löwen Löwen. Venezianische Spiegelungen» entstanden. Die meisten Texte in diesem Band sind kürzer als eine Buchseite, Prosatexte wechseln mit Gedichten, wobei die Lyrik sich bisweilen von der konzentrierten Prosa kaum unterscheiden lässt – und damit die Grenzziehung zwischen diesen literarischen Formen hinfällig wird. Dem «Meister der kleinen Form» ist es gelungen, unter dem Klischee und Touristenziel Venedig, das schon unzähligen Autoren als Schauplatz ihrer Texte diente, Bilder einer Stadt zu entdecken, die so noch nie beschrieben wurde. Der Blick von Klaus Merz’ Texten ist hellwach und traumversunken zugleich, poetische Phantasie, surrealistische Szenen, über sich hinausweisende Detailstudien und manchmal ein unbestechlicher politischer Impetus liegen dicht beeinander. Klaus Merz beobachtet die Veränderungen durch Ebbe und Flut, er erlebt Venedig im Winter und den Karneval, und er reflektiert auf seine Weise über die in der Stadt allgegenwärtige Vergänglichkeit. Der Begegnung mit dem Tod gewinnt der Autor mit seinem melancholischen und ernsten, aber unverhofft auch humorvollen Blick absurde, hintergründige Szenen ab – so etwa, wenn er beobachtet, wie die Mumie eines Heiligen in einer Kirche mit neuen gestickten «Finken» ausgestattet wird.

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