Paradiesvogelschiss

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20.08.2008ROLAND HEER

Lyrik macht es einem nicht leicht, so sagen zumindest viele – auf die Gedichte von Peter Rühmkorf hat dies aber nie zugetroffen; wohl nicht umsonst hat er immer sehr hohe Auflagezahlen gehabt für einen Lyriker. In seinem im April erschienenen letzten Gedichtband zeigt er nochmals, wie elegant, klar und leicht der typische Rühmkorfsche Sound eben ist - und wie breit seine thematische Klaviatur. «Paradiesvogelschiss» – eine wunderbare Wortfindung! Und aus oder auf diesem Schiss sind all die Sachen gewachsen, die Rühmkorf uns nun serviert, noch dampfend quasi: Unfertigkeit ist das Prinzip des Bandes, jedenfalls des ersten Teiles, wo wir Entwürfe, Fragmente, Gedankenblitze versammelt finden. Rühmkorf ist mal angriffig: «Alter, kleb die Zähne fest, / und dann wird losgebissen» schreibt er, und: «Der Jambus hätt sich ausgequatscht? / Mitnichten, wiederhol ihn! / Und ist der Stiefel durchgelatscht, / besohl ihn!» mal ist er aber auch resigniert: «Irgendwann ist die Klassik zu Ende / und die ganz normale Verkalkung beginnt.» Oder: «Nun, da ich aufgehört habe zu hoffen / und lieber mal 2 Stunden länger schlafe.» Oder: «Was wollte ich denn noch gerade? / Ah, den Strick!» Das Spannende, auch Ergreifende: dass wir hier Gedichte lesen gewissermassen im Moment ihres Entstehens und Aufhörens gleichzeitig - beiläufige Gesänge, kleine Ansprachen über grosse Schmerzen. Ein «Spezialbetroffener für Tod und Leben» ist er, der den Übergang vom «geo- zum egozentrischen Weltbild» bedauert, «mit Bildung gefüllt wie ein Staubsaugerbeutel», und es wollen trotz aller Skepsis, trotz des Wissens um den bevorstehenden Tod weitere Gedichte auf die Welt kommen: «Die letzten Stufen …  Kann doch sein, dass wir nach allem was gewesen, plötzlich merken, es war leider nur soso. Und wir klappern hier mit unsern Pro- So als wären es gewagte Anti-Thesen und auf einmal, kaum zu eigenem Erheitern lernen müssen, auch auf Hühnerleitern lässt sich scheitern. …» «Paar Schaufelwürfe vorm Grab» weiss er sich. Aber noch schaut er in die Welt: «- da sieht er vom Balkong / den Sonnen-unter - Gong!» «Noch einmal völlig neu / auf die schiefe Bahn geraten»: Vielleicht kann er das ja – da, wo er jetzt ist. Peter Rühmkorf ist kurz nach Erscheinen des Bandes seinem Krebsleiden 78-jährig erlegen. Seine Gedichte bleiben. Solange sie gelesen werden.

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