Fontanelle

Trennlinie

Michael Joffe, dessen Grosseltern, Eltern, Tanten, dessen Frau und beiden erwachsenen Zwillingskindern wir im Roman begegnen, erzählt uns auf knapp 600 Seiten von Wegen und Pfaden, von Feldern und Dörfern, von Häusern und Landstrichen, von Freundinnen und Nachbarn im nördlichen Israel. Und er erzählt vor allem vom Joffe-Clan, einer weitverzweigten Sippe, die nicht arm ist an Exzentrikern, an besonderen Persönlichkeiten. Ein ganz besonderer Mensch ist aber auch dieser Mitfünfziger, der zeitlebens eine offene Fontanelle bewahrt, also jene kleine Knochenlücke am Schädel von Neugeborenen, die sich normalerweise einmal schliesst. Diese offene Fontanelle macht Michael Joffe zu einem dünnhäutigen Menschen mit einem besonderen Gespür. Die Fontanelle ist «Auge und Ohr, Brunnen und Spiegel, ja sie kann sogar ein wenig schmecken, riechen und fühlen», was zur Folge hat, dass Joffe, der Ich-Erzähler, manches früher und besser, feiner und präziser erfasst, schneller wahrnimmt als seine Umgebung. Joffes Vorname Michael wird von einer einzigen Person nie verwendet. Es ist Anja, die Frau des Dorflehrers Elieser. Sie nennt Michael Joffe schlicht «Fontanelle». Als Michael fünf war, hat sie – sie war damals schon eine erwachsene Frau – Michael bei einem Brand das Leben gerettet. Zwar hat Michael irgendwann Alona, die Leiterin einer Gärtnerei, geheiratet. Aber Anja bleibt die wichtige Frau in seinem Leben. Meir Shalev hat ein Buch geschrieben, eine Sippensaga voll von Geschichten und Verästelungen, voller Rückblicke auch und Zeitenwechsel. Wir befinden uns in Meir Shalevs neuem Roman – sehr schön übersetzt von Ruth Achlama – in einem Familienkosmos, erleben die Jahre der Siedlungsgründungen und sehen zu, wie aus einem Weiler ein Dorf und aus dem Dorf eine Stadt wird.

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