Canetti in Zürich
Erinnerungen und Gespräche

Trennlinie

Wenn bei ihm das Telefon läutete, meldete sich Autor und Nobelpreisträger Elias Canetti mit einer gestellten Stimme als seine eigene Putzfrau. Auf diese Weise konnte er sich entscheiden, ob er mit der anrufenden Person sprechen wollte oder nicht. Mit Rolf Hochhuth mochte er jedenfalls nicht. Schrullig muss der Mann gewesen sein: Weil er Marcel Reich-Ranicki nicht mochte, lieh er sich dessen Werke bloss für ganz kurze Zeit aus, den Buchumschlag mit Reich-Ranickis Fotografie kehrte er um, um diesen Mann ja nicht anschauen zu müssen. Abgesehen von dem, was seine Person betraf, konnten Freunde mit dem Autor über alles sprechen. Werner Morlang, Literaturkritiker, Autor und Robert Walser-Spezialist, hat Menschen aus Canettis Zürcher Umkreis nach Erinnerungen befragt. Herausgekommen ist ein ebenso interessantes wie amüsantes Buch, bei dem auch menschliche schrullige Nebensächlichkeiten erzählt (manchmal vielleicht auch erfunden) werden. Zu Wort kommen Menschen, die Canetti während seiner Zürcher Jahre (1971–1994) bloss ein einziges Mal getroffen oder auch näher gekannt haben. Jetzt wissen wir endlich, wo Canettis letzte Hosen, die er wegen seines Todes nicht mehr bei der Reinigung abholen konnte, heute noch aufbewahrt werden. Wir erfahren, wie er in seiner Lieblingsbuchhandlung vor Gesprächen geschützt wurde. Canettis Frisör, der den Schnurrbart des Poeten nicht stutzen durfte, kommt in Morlangs Geschichten- und Erinnerungssammlung vor. Und wir sehen, wie der abweisend dreinblickende Mann im Café Lord sich so verhielt, dass kein anderer Gast ihm zu nahe kommen konnte.

Eine Trenninie

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