durch und durch
Müllheim / Thur in drei Kapiteln

Trennlinie

21.08.2004BETTINA SPOERRI

Die Welt als globales Dorf Müllheim ist wahrlich kein idyllischer Ort. Täglich fahren durch das Dorf im Kanton Thurgau Tonnen von Blech von Ost nach West und von West nach Ost. In dieser Transitstation wohnt Zsuzsanna Gahse: Direkt an der Hauptstrasse 1, die Zürich mit Konstanz verbindet. Die Schriftstellerin sitzt am Schreibtisch am Fenster, beobachtet den Verkehrsstrom und erfindet ein Zeichensystem, um die unterschiedlichen Gefährte statistisch zu registrieren. Hie und da macht sie Ausflüge, um die Umgebung auszukundschaften – mit aufmerksamem Blick und Sinn für feinen Humor. In die Beschreibung von Rhythmus und Klang des Verkehrsstroms mischen sich immer wieder assoziativ Fetzen aus der Vergangenheit: Der Fahrzeug-Fluss unter dem Fenster erinnert die 1946 in Budapest geborene Autorin und Übersetzerin an die Donau und die vorbeifahrenden Panzer an die russischen Panzer, die 1956 in der ungarischen Hauptstadt die Häuser wie zerstörte Puppenstuben aussehen liessen. Oder an ihren Onkel, der in der Budapester Innenstadt von seinem Eckfenster aus die Leute auf der Strasse beobachtete – und der auf seinem Auswanderungs-Weg nach Amerika den Schreib-Ort seiner Nichte passiert haben muss. Zuletzt wird der grosse Müllheimer Dorfplatz mit Schulhaus, Kirche und Linde, den die Autorin vom Fenster aus überblicken kann, in ihrer Vorstellung zu einer Bühne, für die sie sich Szenen erschreibt. Figuren aus der Commedia dell’Arte treten auf und ab, Beobachtetes vermischt sich mit Fiktivem, das Dorftheater wird zu einem Welttheater.

Eine Trenninie

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