Last & Lost
Ein Atlas des verschwindenden Europas

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27.05.2006BETTINA SPOERRI

Während Europa wirtschaftlich zusammenwächst, werfen neue Bücher einen kritischen Blick auf die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Veränderungen – und die Stagnationen – in diesem Kontinent. Eine dieser besonderen Publikationen ist «Last & Lost»: Ein interdisziplinäres Projekt, in dem die Sichtweisen der vorherrschenden Diskurse hinterfragt werden. «Last & Lost» kombiniert literarische Reportagen von SchriftstellerInnen wie Dagmar Leupold, Christoph Ransmayr oder Lavinia Greenlaw (und natürlich fehlen Jurij Andruchowytsch, Andrzej Stasiuk, Karl-Markus Gauss und Geert Mak nicht) mit fotografischen Arbeiten von Künstlern aus u.a. Polen, der Ukraine, Bulgarien oder Portugal. Ein «Atlas des verschwindenden Europas“ ist dieser Band insofern – neben der Landkarte, in der die fokussierten Gegenden eingezeichnet sind –, als die insgesamt fünfzehn Texte Orten nachspüren, die einmal Schauplatz wichtiger oder gar einschneidender Ereignisse waren, heute aber in Vergessenheit geraten sind und langsam ganz aus dem europäischen Gedächtnis verschwinden. Das kann auch Orten in West- oder Nordeuropa widerfahren. In den Fokus des Interesses rücken stillgelegte Bergwerke, unterirdische Militäranlagen, die Ruinen der modernen Zivilisation, die verbotenen Territorien, die Spuren, die der Kommunismus und der Faschismus hinterlassen haben. Dagmar Leupold beispielsweise erzählt von ihrer Spurensuche auf einer ehemaligen Militäranlage aus dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Und der litauische Autor Marius Ivaskevicus nähert sich den Geschichten um den Bahnhof Wershbolow in Litauen, der in der Zeit des russischen Reiches an einem zentralen Verkehrsknotenpunkt stand. Andere solche im Verschwinden begriffenen Orte, deren Vergangenheit und Gegenwart hier erzählt werden, befinden sich u.a. in Frankreich, Italien, Russland, Bulgarien, Portugal oder Rumänien. Die Bilder und Texte legen historische und kulturelle Schichten Europas frei: Ein melancholisches Memento Mori – und eine kritische Reflexion auf die Voraussetzungen der europäischen Gegenwart. Mit den Worten von Andrzej Stasiuk: «Nur in dem, was vergangen ist, können wir uns betrachten wie in einem Spiegel.»

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