Der Mann auf dem roten Felsen

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„Ist flüssig, klar oder trübe, nach ihr suchen alle Rätselfreunde“ - mit einem Rätsel, sozusagen als Motto, beginnt jedes Kapitel von Marjaleena Lembckes neuem Jugendroman; einem Rätsel, das für die Geschichte um den vierzehnjährigen Mika, seine Zwillingsschwester Lina und seine Eltern eine Rolle spielt. Doch nicht nur das: Seit eines Morgens ein merkwürdiger Unbekannter mit einem Fernglas auf den Felsen vor Mikas Haus stand und schaute, präsentiert sich ihm sein Leben plötzlich als Rätsel. Das mysteriöse Manuskript zum Beispiel, an dem sein Vater Nacht für Nacht schreibt, während sich die Kommunikation mit seinen Kindern auf Rätsel (für Mika) und Gedichtzeilen (für Lina) beschränkt, die jeden Morgen auf dem Frühstückstisch liegen. Auch die Mutter verhält sich eigenartig: Mika beobachtet, wie sie sich mit dem Mann vom Felsen trifft, heimlich. Marjaleena Lembcke, deren Bücher schon lange zu den schönsten und psychologisch genauesten der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur gehören, versucht in diesem Roman etwas Neues. Nicht nur, dass der Schauplatz diesmal nicht in der Vergangenheit liegt, sondern im Helsiki des Jahres 2001; sie spielt geschickt mit den Erzählmustern des Krimis, um sie, wie nebenbei, auf eine philosophische, existenzielle Ebene zu verschieben, so dass auch Erwachsene hingerissen sind von diesem Buch. Schicht für Schicht trägt sie erzählend ab, um schliesslich zu den geheimsten und tiefsten Ängsten ihrer Figuren vorzudringen. Denn hinter der Oberfläche der fröhlichen, schlagfertigen und vielleicht etwas schrägen Familie verbirgt sich eine beklemmende Sprachlosigkeit. So vielschichtig wie ihre Figuren ist auch die Geschichte, die Lembcke erzählt. Die Ereignisse der grossen Welt spiegeln sich in Mikas kleinen Welt; nach den Anschlägen vom 11. September 2001 vermischt sich die Angst vor einem instabilen politischen Umfeld mit den diffusen Ängsten eines Pubertierenden. Der Angelpunkt für seine Unsicherheiten hält raffinierterweise auch den spannenden Plot des Buches zusammen: Während das Leben nichts von seiner Undurchschaubarkeit verliert, spitzt sich die Krimi-Geschichte um den Mann mit dem Fernglas zu – und Mika findet wenigstens für dieses Rätsel die Lösung. (Ab ca. 11-12 Jahren)

Eine Trenninie

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