Du musst die Wahrheit sagen

Trennlinie

Kaum sind Tom, seine beiden Halbgeschwister und seine Mutter in Haus am See eingezogen, wird eine Katze, die neugierig übers Grundstück streift, von einer Kreuzotter gebissen. Panik bricht aus, als die Schlange im Haus verschwindet. Die Katze bricht nach dem Angriff zusammen und legt sich in eine Ecke; ihre Pfote schwillt an. Tagelang bleibt sie liegen. Tom, der sensible Ich-Erzähler im neuen Roman von Mats Wahl, ist der einzige, der das Leiden der Katze zur Kenntnis nimmt. Wie eine Warnlampe leuchtet in den Beobachtungen der leidenden Kreatur sein eigener Schmerz auf, während der Rest der Familie völlig mit sich selbst beschäftigt ist – der grosse Bruder trainiert seine Muskeln und quengelt herum wie ein Kleinkind, die Schwester klinkt sich mit ihren Freundinnen aus, die Mutter richtet ihren Coiffeursalon ein und konzentriert sich ansonsten darauf, möglichst schnell einen neuen Liebhaber zu finden. Mats Wahl legt die Gedankenwelt seines Ich-Erzählers offen vor den Lesenden aus. Tom ist voller Empathie für andere, doch er leidet unter der Sprachlosigkeit in seiner Familie. Niemand merkt, wie viel Energie er braucht, um die ständigen Angriffe seines Bruders auszuhalten; weil die Mutter nicht weiss, wie sie den Terror stoppen kann, ignoriert sie ihn einfach. Als Tom in der neuen Schule erlebt, wie andere gemobbt werden, dreht er durch. Sofort ist allen klar: Er ist ein aggressiver Schläger. Auch hier interessiert sich niemand für seine Sicht der Dinge, was ihn immer mehr zu gewalttätigem Verhalten treibt. Oft ist im Zusammenhang mit Jugendliteratur von aufrüttelnden und erschütternden Büchern die Rede, aber dieses hier haut einen wirklich um. Weil es eine ganz andere Sicht auf die Hintergründe der vieldiskutierten sogenannten Jugendgewalt bietet. Und weil es eine Gesellschaft, die aggressive Jugendliche unbesehen kriminalisiert, ohne nach den Ursachen zu fragen, schonungslos entlarvt.

Eine Trenninie

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