Erste Liebe

Trennlinie

„Am Morgen nachdem das anerkannte Wunderkind Colin Singleton seinenHighschool-Abschluss gemacht hatte und ihn zum neunzehnten Mal in seinem Leben ein Mädchen namens Katherine sitzen liess, legte er sich in die Badewanne.“ Der amerikanische Autor John Green beginnt seinen neuen Jugendroman an dem Punkt, der für Colin das Ende zu bedeuten scheint. Zwar kommt er irgendwann wieder aus der Badewanne raus und zieht, dank der Hartnäckigkeit seines Freundes Hassan, sogar auf Abenteuerfahrt aus. In Gutshot, Tennessee, werden die beiden von der Fabrikantin Hollis Wells und ihrer Tochter Lindsey Lee herzlich aufgenommen und auch gleich mit einem Oral-History-Auftrag betraut; sie sollen über die Sommerferien alle aktiven und ehemaligen Arbeiter der familieneigenen Fabrik interviewen. Alle sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass niemand nach den Hintergründen fragt. Die Fabrik steht nämlich vor dem Konkurs. Während die Vergangenheit von Gutshot dokumentiert wird, versucht Colin, sein eigenes Leben überschaubar und berechenbar zu machen, mit Hilfe der Mathematik, und da kommt John Green in Fahrt: virtuos spielt er mit den Möglichkeiten, die Fachwissen aller Art literarisch bieten. Und es gelingt ihm geradezu meisterhaft, eine Parodie auf die sogenannte Wissensgesellschaft mit einer ernsthaften und klugen Coming-of-Age-Geschichte zu verbinden. Aus diesem Grund spricht das Buch erwachsene Leserinnen und Leser genauso an wie Jugendliche ab etwa vierzehn. Colin arbeitet also an einer Formel, die voraussagen soll, wer von zwei Verliebten die Beziehung beenden wird und wann. Schlimmer, als verlassen zu werden, ist für ihn aber die Angst davor, aus dem Wunderkinddasein herauszuwachsen ohne ein Genie geworden zu sein. Die ganzen Bücher, die er gelesen hat, die ganzen Fakten, die er auswendig kann, helfen ihm nicht weiter, doch in Gutshot, dem Kaff am Ende der Welt, überschlagen sich die Ereignisse. Und Colin lernt das, was ihm immer gefehlt hat: Erzählen – sich selbst immer neu erfinden, die eigene Geschichte immer wieder umschreiben: „…er dachte an den Raum zwischen dem, woran wir uns erinnern, und dem, was wirklich geschehen war, und an den Raum zwischen dem, was wir erwarten, und dem, was wirklich geschah. Genau dort, in diesem Raum, dachte Colin, war Platz genug, sich neu zu erfinden. Es gab Platz genug, etwas anderes zu werden als ein Wunderkind, seine eigene Geschichte umzuschreiben, besser zu machen – Platz genug, immer wieder neu geboren zu werden.“

Eine Trenninie

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