Alle Farben des Schnees

Trennlinie

01.03.2011

Dass die Eskimos viele Wörter für «Schnee» haben, ist bekannt. Bei Angelika Overath ist es noch etwas anders. Sie sieht den Schnee und seine Schatten in «bläulich, grau, rosa und pfirsich. Die bunten Schatten nehmen zu, je länger es weiss bleibt.» Wissen muss sie es, denn die deutsche Schriftstellerin lebt seit dreieinhalb Jahren mit ihrer Familie in Sent, dem Bergdorf im Unterengadin, auf 1450 Meter Höhe. Schnee gibt es dort fast die Hälfte des Jahres. Mit ihrem «Senter Tagebuch» lässt sie den Leser teilhaben an ihren sinnlichen Erlebnissen der Natur und interessanten Begegnungen als Neuankömmling in Sent. Die geübte Reporterin schaut genau hin, bewahrt die Distanz, sucht immer wieder Kontakt zu den verschiedensten Menschen. Das Gespräch mit dort lebenden Künstlern ist ihr genau so wichtig wie mit ihrer Nachbarin Uorschla, die Bäuerin ist. Der Tonfall bleibt angenehm ruhig, die Bemerkungen klug und tief. Für Overath ist das Schreiben ihres Tagebuchs ein Stück Heimat. Im Zwiegespräch mit sich selbst fühlt sie sich zuhause. Aber das langt ihr nicht. Wie ihr siebenjähriger Sohn Matthias in der Schule will auch sie die Sprache des Dorfes erlernen: Räteromanisch mit vallander Idiom. «Wir sehen mit den Wörtern», weiss die Sprachfrau. Sie lernt nur langsam. Aber sie gibt nicht auf, fängt sogar an, Gedichte auf «vallander» zu schreiben. «Gedichte schreiben ist ein Sprechen mit der Sprache. Sie antwortet.», notiert Overath wenig später in ihr Tagebuch. Es ist bewegend, beim Lesen mitzuerleben, wie die Fremde für Angelika Overath immer mehr verschwindet und daraus ein Stück Heimat wird. Aus eigener Kraft hat sie es geschafft, in ihr Sent hineinzuwachsen. Aber was kann man auch von einer Frau anderes erwarten, die zu ihrem neuen Wohnort in den Alpen von Tübingen aus mit dem Fahrrad gefahren ist.

Eine Trenninie

Alle Buchtipps in der Kategorie: Romane & Erzählungen