Bis ich dich finde

Trennlinie

03.02.2006BETTINA SPOERRI

Der kleine Jack und seine Mutter Alice sind auf der Suche nach Vater und Mann, dem Organisten William Burns; aber sie verpassen ihn stets: in Schweden, Norwegen, Finnland und in den Niederlanden. An der Hand seiner Mutter, die sie beide mit ihrer Tätowierkunst finanziell über Wasser hält, stolpert der Vierjährige durch Hotels in Skandinavien und im Amsterdamer Rotlichtviertel. Bald ist er Experte für Tattoos und deren symbolische Anbringungsorte. Als ob die fehlende Geborgenheit und die ständigen Enttäuschungen nicht schon genug wären, verführen erwachsene Frauen das verwirrte Kind und traumatisieren es zusätzlich. Am Ende flieht der Vater – vermeintlich – nach Australien. Trotzdem wird Jacks Leben nicht besser: In Kanada steckt ihn seine Mutter in eine Mädchenschule, wo er als Zehnjähriger von einer Trainerin sexuell missbraucht wird. Das Personal dieser Lebensjahre von Jack Burns reicht von skurrilen bis hin zu absonderlichen Gestalten, die entweder einem Fellini-Film oder aber einem Panoptikum entstiegen zu sein scheinen. Der einschlägig vorbelastete Jack kann sich kaum retten vor älteren Frauen. Irving gelingt es, die Karriere Jacks als Schauspieler – von frühen Theaterauftritten bis hin zum Travestie-Kultstar – zu einer beklemmenden Parodie auf die Mechanismen einer moralisch-verlogenen Gesellschaft und die hysterischen Körperhuldigungen Hollywoods werden zu lassen. Erst spät erfährt Jack, dass sein Vater noch lebt und dass seine mittlerweile verstorbene Mutter ihn belogen hat. In einem Sanatorium bei Zürich, das in seiner unheimlichen Normalität an Dürrenmatts «Physiker» erinnert, begegnet Jack erstmals seinem Vater …

Eine Trenninie

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