Das Echo der Erinnerung

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06.12.2006BETTINA SPOERRI

Der 27-jährige Mark Schuler hat bei einem Autounfall einen Gehirnschaden erlitten; physisch erholt er sich zwar gut, doch seit dem Unfall erkennt er seine Schwester Karin nicht mehr. Ein seltenes Phänomen, das Fachleuten unter der Bezeichnung «Capgras» bekannt ist. Verzweifelt schreibt Karin den berühmten Hirnspezialisten und Buchautor Dr. Weber an, und dieser ist von dem raren Fall so fasziniert, dass er tatsächlich die weite Reise in den trostlosen, ländlichen Midwest auf sich nimmt, um Mark zu sehen. Doch auch er kann nicht helfen. Richard Powers nützt die Gehirnstörung seines jungen Protagonisten, um die Fragilität dessen, was wir normalerweise als selbstverständlich gegeben erachten – die störungsfreie Funktionsweise unseres Gehirns und die damit verbundenen Erkenntnisse und Emotionen –, aufzuzeigen. Wir erfahren in dem Roman viel über mögliche Dysfunktionen des Gehirns und wie sehr die Identität eines Menschen von seinen Erinnerungs- und Denkfähigkeiten abhängig ist. Eng verflochten mit der Krankengeschichte Marks sind Erzählstränge, in denen Powers die Atmosphäre von Amerika im 21. Jahrhundert spiegelt: Der Kampf zwischen Umweltschützern und profitgierigen Investoren im amerikanischen Hinterland und die weitreichenden Folgen des Kriegs gegen den Terror. So wird der Roman zu einer symbolischen Bestandesaufnahme der amerikanischen Befindlichkeit. Vor wenigen Tagen hat Richard Powers mit «Das Echo der Erinnerung» den wichtigsten Literaturpreis der USA gewonnen: den National Book Award for Fiction 2006.

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