Der Blick aus meinem Fenster

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28.07.2006BETTINA SPOERRI

Seit Orhan Pamuk 2005 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, wird er endlich auch in Westeuropa stärker wahrgenommen. Eine neue, sorgfältig zusammengestellte Sammlung von 31 Essays und Artikeln, die u.a. in deutschen Zeitungen und Literaturzeitschriften erschienen sind, gibt einen guten Einblick in die Reflexionen, die auch seine literarischen Schriften prägen. «Der Blick aus meinem Fenster» beginnt mit einer Hommage an den Stadtteil Beyoglu: Für Pamuk der eigentliche Mittelpunkt Istanbuls, wegen seiner multikulturellen Geschichte. Ein Viertel aber auch, in dem der Autor beunruhigt Veränderungen in Richtung Separatismus und Fundamentalismus beobachtet. Ob der Schriftsteller über den Umgang mit der türkischen Fahne und Fussball-Nationalisten, die Ängste der Istanbuler vor einem neuen Erdbeben, den Prozess gegen ihn und das Tabuthema Armeniergenozid oder das Brechen von Verkehrsregeln schreibt: Stets beweist er ein feines Gespür für scheinbar unerhebliche Details im türkischen Alltag und langsame, aber bedeutsame Umwertungen. Pamuk zeichnet ein präzises Psychogramm der Bevölkerung in der Türkei, welches die Zerreissprobe dieses Landes zwischen Ost und West, Hoffnung und Hilflosigkeit, Stolz und Minderwertigkeitsgefühlen, Öffnung, Abschottung und Intoleranz gegenüber Minderheiten deutlich macht. Blicken wir mit Pamuk aus seinem Fenster, gibt es Grund, deshalb bange zu sein. Doch neben uns steht einer, der sehr genau erklären kann, warum.

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