Der Stein
Erzählungen

Trennlinie

05.09.2011

Vielleicht hat es sich ja bei Franz Hohler so abgespielt: An einem sonnigen Tag, geht ein berühmter Dichter in Zürich dem Tobel entlang spazieren. Er denkt gerade an eine Geschichte von einem Präsidenten, dem eine kleine Katze das Leben rettet. Da fällt sein Blick auf einen runden Stein, der so gross wie eine Faust ist. Er hebt ihn auf. Plötzlich tropft Blut aus ihm heraus. Erschrocken lässt er ihn fallen. Vor seinen Augen verwandelt sich der Stein in einen goldenen Bleistift. Einem starken inneren Drang folgend, steckt er den Stift in seine Hosentasche. Als er zu Hause ankommt, setzt er sich vor ein leeres Blatt Papier und beginnt sofort zu schreiben. Und nun können wir lesen, was dem Dichter so alles diktiert wurde. Sehr wahrscheinlich war es so, denn bei Franz Hohler ist vieles möglich. Sein neuer Erzählband ist eine Spielwiese für das Ungewöhnliche, das unerwartet ins Normale einbricht und die Wirklichkeit im neuen Licht erscheinen lässt. Die Selbstverständlichkeit, mit der das passiert, verzaubert uns. Seine realistische Erzählweise wiegt uns in Sicherheit, bis aus dem Radio Stimmen vom Jenseits kommen oder ein sibirischer Tiger dem Schweizer Leutnant  entgegen schleicht. Virtuos ist Franz Hohlers Geschichte vom Stein. Sie beginnt bei der Entstehung der Erde, über den Gletscher, der eine Mulde in einem Seebecken zurücklässt, bis zu einem Stein, der von einem jungen Mann während der 1. Mai Demonstration einem Mädchen unabsichtlich an den Kopf geworfen wird. Natürlich weiss der Stein nichts davon. Er fühlt nichts - oder vielleicht doch?  

Eine Trenninie

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