Die Heimkehr

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13.04.2006BETTINA SPOERRI

Was harmlos beginnt, verändert das Leben von Peter Debauer grundlegend: Auf Makulaturpapier – seine Grosseltern arbeiten abends an der Redaktion von Heftchenromanen – liest er als Kind heimlich eine Geschichte, deren Ende aber verloren gegangen ist. Als Erwachsener erinnert er sich an diese Heimkehrergeschichte eines deutschen Soldaten, die motivisch der Odyssee nachempfunden ist, und will wissen, wie der Roman ausgeht. Peter Debauer macht sich auf die Suche nach dem verlorenen Ende der modernen Odyssee – und findet sich bald selbst mitten in dieser Geschichte wieder. Seine Recherchen konfrontieren ihn mit der verschwiegenen, von Kriegsschuld beladenen Geschichte seiner Familie und stürzen ihn in eine tiefe Krise. Er findet nicht nur heraus, dass sein totgesagter Vater ein aktiver Nazi und Antisemit war, sondern dass er noch lebt und unbehelligt als Professor in den USA – hier scheint Schlink den Dekonstruktivisten Paul de Man als Vorbild für seine Figur zu nehmen – erfolgreiche Seminare leitet: über politische Theorien, die historische Tatsachen für beliebig interpretierbar darstellen. Zornig beschliesst der Sohn, seinen Vater zu stellen. Doch er zögert, seine eigene Herkunft zu enthüllen. So kommt es am Ende zu einem gefährlichen Showdown. Bernhard Schlink hat mit «Die Heimkehr» einen spannenden, psychologisch komplexen, aber auch anspruchsvollen Text über die Identitätssuche eines Mannes geschrieben. Zugleich ist dieser Roman die Auseinandersetzung eines Spätgeborenen mit moralischer Schuld und Verantwortung – und immer wieder mit der Frage nach dem Bösen in der Welt.

Eine Trenninie

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