Die Sturmflut

Trennlinie

17.03.2006BETTINA SPOERRI

Zwei Schwestern verabschieden sich voneinander, sie werden ein Wochenende lang ihre Plätze tauschen: Lidy besucht an Stelle von Armanda auf der Insel Duiveland deren Patenkind, während Armanda bei Lidys Mann und Tochter in Amsterdam bleibt. Was als harmloser Rollentausch beginnt, wird zur Entscheidung über Leben und Tod. Denn in dieser Nacht zerstört eine verheerende Sturmflut ganz Duiveland. Lidy bleibt vermisst. Die zurückgebliebene Schwester fügt sich indessen immer mehr in das Leben ihrer Schwester ein und heiratet schliesslich sogar deren Mann Sjoerd. Margriet de Moor verbindet ihre Geschichte von zwei Schwestern mit der historischen Katastrophe in den Niederlanden, der im Februar 1953 über 1800 Menschen zum Opfer fielen. Die Autorin beschreibt den Überlebenskampf der Menschen, die den Winden und den Wassermassen schutzlos ausgeliefert waren: Schock-Bilder, die auf der inneren Netzhaut der Leser ihre Abdrücke hinterlassen. Im Wechsel von Kapiteln und Abschnitten wird Lidys stundenlangem Überlebenskampf das eher ereignislose Leben ihrer Schwester gegenübergestellt. Allerdings spiegelt der innere Sturm in der Seele Armandas, die sich für den Tod ihrer Schwester verantwortlich fühlt, die tobenden Naturgewalten wieder. Der grosse Mittelteil des Romans ist fein verwobene Kontrapunktik: Zu Beginn noch zeitgleich angesetzt, driften die beiden Erzählebenen immer mehr auseinander. Eine einzige Nacht wird gegen ein ganzes Leben aufgewogen. Alles mündet in einen Wechselgesang der Schwestern – oder auch: in ein Zwiegespräch der sterbenden Armanda mit der Schwester, wie sie sie sich verinnerlicht hat. So ist am Ende nicht mehr so klar, wer da ertrunken ist.

Eine Trenninie

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