Die Winter im Süden

Trennlinie

23.11.2008BETTINA SPOERRI

«Die Vorstellung», heisst es einmal in Norbert Gstreins neuem Roman, «er könnte eines schönen Tages an seinem Fallschirm vom Himmel schweben, an ihrer Tür klopfen und eintreten, hatte ihre Kindheit bestimmt (...).» 45 Jahre lang hat Marija nichts von ihrem Vater gehört, ihrem Wissen nach ist er tot. Doch dann tritt er wieder in ihr Leben – aber weit weniger heroisch als in der Vorstellung ihrer Kindheit, sondern in Form einer Anzeige: «Marija, dein Vater sucht dich». Ein Fallschirmjäger allerdings war Marijas Vater, ein Kroate, Kämpfer der faschistischen Ustascha; nach dem Zweiten Weltkrieg floh er vor der Rache der Partisanen nach Argentinien und verlor den Kontakt zu Frau und Kind, die in Wien unterkamen. «Die Winter im Süden» erzählt indes nicht die Geschichte einer Wiederbegegnung zwischen Vater und Tochter – und auch nicht von einer Katharsis, wie sie mit der Einsicht über ein verpasstes Leben und die Aufdeckung eines Familiengeheimnisses einhergehen könnte. Stattdessen prägt eine tiefe Fremdheit die zwischenmenschlichen Beziehungen, Manipulation und Misstrauen bestimmen den Umgang der Menschen miteinander; einmal mehr beweist sich Norbert Gstrein hier als ein genauer Schilderer seelischer Zerrüttungen. «Die Winter im Süden» ist Gstreins erstes Buch im Carl Hanser Verlag; dieser bemüht sich auch um die früheren Werke des begabten österreichischen Autors und bietet nun seit kurzem eine neue Ausgabe des Gstrein-Romans «Die englischen Jahre» an.

Eine Trenninie

Alle Buchtipps in der Kategorie: Romane & Erzählungen