Ein Kapitel aus meinem Leben

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28.09.2004BETTINA SPOERRI

«Ein Kapitel aus meinem Leben» nannte Barbara Honigmanns Mutter verharmlosend die Jahre, in denen sie mit dem «Jahrhundertspion» Kim Philby, der für den KGB arbeitete, verheiratet war. Diese zwölf Jahre ihres Lebens verbarg «Lizzy» Kohlmann lange vor ihrer Tochter Barbara (aus ihrer 2. Ehe mit Georg Honigmann); erst mit 80 Jahren, ein Jahr vor ihrem Tod 1991, erzählte sie der Schriftstellerin mehr über ihre geheimen Aktivitäten jener Zeit. Allerdings schaffte sie es, dabei mindestens ebenso viel zu verbergen. Die Tochter und Autorin hat nun aber nicht einen autobiografisch fundierten Spionageroman über jene Lebensphase ihrer Mutter geschrieben, sondern vielmehr eine Art Pendant zu ihrem «Vaterroman» («Eine Liebe aus Nichts»). Sie spinnt damit die Fäden ihrer Poetologie des Erinnerns konsequent weiter. Ihrer impulsiven und widersprüchlichen Mutter nähert sie sich virtuos, mit einem humorvollen, aber auch melancholischen Blick aus der Perspektive der Tochter, die immer nur Bruchstücke erhaschen kann. Schreibend hat sie ihre Erinnerungen an eine Mutter zusammengetragen, die wenig von Erinnerungsarbeit hielt und mit ihrer Identität gerne spielte, indem sie beispielsweise ihren Vornamen immer wieder anders schrieb oder Lebensdaten gerne im Ungefähren liess. «Sie hat mich geboren», resümiert Barbara Honigmann im letzten Kapitel, «und nun setze ich sie wieder als Legende in die Welt. Kurz hinter der Wahrheit und dicht neben der Lüge, so wie es ihr Credo war.» Das mit seinen 142 Seiten eher schmale Buch ist eine kleine, intelligente, aber auch augenzwinkernde und späte Rache der Tochter an der Mutter – und gleichzeitig ein Text über das Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern ganz allgemein. Und einmal mehr ein wichtiger Beitrag von Barbara Honigmann zum komplexen Verhältnis zwischen Erinnerung und Fiktion.

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