Extrem laut und unglaublich nah

Trennlinie

20.08.2005BETTINA SPOERRI

Kann man einen Roman über die Bedeutung von «9/11» schreiben? Jonathan Safran Foer, der junge amerikanische Schriftsteller, der sich mit «Alles ist erleuchtet» in die Bestsellerlisten geschrieben hat, schafft auch das, ohne dass ein pathetischer Text entsteht. Sein «Held» ist ein sensibler neunjähriger Junge, der auf seine ganz besondere Weise damit zu leben versucht, dass sein geliebter Vater in einem der World Trade Center-Hochhäuser gestorben ist. Als er in einer Vase einen Schlüssel findet, der in einem von seinem Vater beschrifteten Kouvert steckt, startet er eine Suche nach dem passenden Schlüsselloch. In ganz New York. Auf der monatelangen Suche begegnet der Junge Menschen, die, wie er immer mehr begreift, alle auch auf der Suche sind: nach einem Trost, einem Lebenssinn, weniger Einsamkeit. Ebenso sein Grossvater, der nach über 40 Jahren zu der Mutter seines Kindes zurückkehrt. Foer stellt die Erinnerungen und Gedanken des Grossvaters und der Grossmutter den überbordenden Fantasien des Enkels gegenüber, alle drei haben einen grossen Verlust erlitten – der Sohn, der Vater –, mit dem sie nur schwer leben können. So entsteht ein fulminanter, zugleich berührender und bedrückender Text über die Macht der Fantasie und die unerträgliche Härte der Realität. Wo ihm Worte nicht mehr genügen, löst Foer das Schriftbild auf, greift zu Fotografien, Zeichnungen und Textbildern. Und lässt uns gerade in den Erfindungen seines jungen Protagonisten – Erfindungen, die den Menschen mehr Schutz gegen Unfälle und Terror gewähren sollen –, spüren, wie tief hier ein Kind trauert. Weit weg von der grossen Weltpolitik.

Eine Trenninie

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