Fallende Sonne

Trennlinie

17.02.2006BETTINA SPOERRI

Die vier Erzählungen in diesem Erstling von Michael Schmid handeln von jungen Menschen, die Freiräume für sich suchen, möglichst jenseits von Alltagszwängen in der Gesellschaft und in der Berufswelt. Doch so oder anders scheitern sie an der Kluft zwischen ihren Träumen und der harten Wirklichkeit. Von Geschichte zu Geschichte werden die vier Ich-Erzähler älter: Ist es im ersten und titelgebenden Text «Fallende Sonne» noch ein Schüler, der sich von einer Mitschülerin in philosophische Gespräche verwickeln und faszinieren lässt, bis die Situation tragisch kippt, sind es in den folgenden Erzählungen Studenten und junge Gelegenheitsjobber, die weiterhin versuchen, Lebenskünstler zu sein – dabei aber ihren Selbstbetrug ausblenden. Bis die Situation eskaliert. Man trifft sich in illegalen Bars, brachliegenden Industriegeländen, ist mit einem Wohnbus unterwegs, geniesst die Aussicht vom Atelier im Büroturm und träumt von grossen kreativen Projekten – bis Lebensrealitäten einsickern und ungeprüfte Freundschaften langsam zerbröckeln oder jäh auseinanderbrechen. Michael Schmids Figuren ist noch eine letzte Gnadenfrist gegeben, sie wandeln auf einem dünnen Grat, bevor sie ihre grössten Illusionen begraben müssen. Die Ansprüche und Wunschvorstellungen dieser jungen Menschen sind berechtigt, jedoch chancenlos – oder liegt es daran, dass sie es falsch anpacken oder ihre Ziele allzu hoch stecken? Jedenfalls kommen die meisten von ihnen am Ende unter die Räder, und das nicht immer nur im übertragenen Sinn. Michael Schmid gelingt es in seinem Erzähldebüt, den Befindlichkeiten junger Menschen von heute nachzuspüren und sie so darzustellen, dass wir gerne mit ihnen auf die Suche gehen.

Eine Trenninie

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