Familienfest

Trennlinie

12.09.2003BETTINA SPOERRI

Edna wird nach dem Tod ihres Mannes die gemeinsame Wohnung verlassen. Während sie packt, denkt sie an den bevorstehenden Pessach-Seder, das traditionelle Festmahl zur Feier des Auszuges der Israeliten aus Ägypten, im Kreise ihrer Kinder und Enkelkinder. Ein letztes Mal lässt sie ihr eigenes Leben, das ihrer Eltern und Grosseltern Revue passieren: Die Flucht und die Ankunft der jüdischen Familie Leondouri an der Ostküste Amerikas, die Erfolge und Misserfolge, Anfeindungen und innerfamiliären Querelen. Das Familienepos, das in zwei weiteren Teilen den Sohn Daniel und die Enkelin Adina durch Perspektivenwechsel ins Zentrum rückt, beschreibt die Entfremdung zwischen den Familienmitgliedern und das Scheitern mancher ihrer Lebensentwürfe. Während Edna noch der jüdischen Tradition verhaftet ist, fühlt sich Daniel von seiner Abstammung zugleich angezogen und abgestossen; nur Adina kann dem Erbe mit offener Neugier begegnen. Mitgutschs Figuren sind hochkomplexe und zerbrechliche Menschen, die auf der Suche nach Geborgenheit sind – vor der sie aber auch immer wieder fliehen. Die Schichtung der Erzählebenen und die Verwebung der Generationen gelingt Mitgutsch durch eine kluge Konstruktionsidee überzeugend: Sie lässt die symbolische Bedeutung des Pessach-Seders – die physische, aber auch psychische Befreiung (respektive die Hoffnung auf sie) sowie die Vergegenwärtigung der Vergangenheit durch Erinnerung – zum Kern ihres Romans gerinnen. In der historischen Tiefe des Pessach-Fests in «Familienfest» gespiegelt, wird die Geschichte der Leondouris zu einer von vielen jüdischen Familien im Exil – und weist darüber hinaus auf die psychischen Verwicklungen, wie sie alle Familien bergen.

Eine Trenninie

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