Fliehende Wasser

Trennlinie

17.08.2004BETTINA SPOERRI

Schonungslos direkt «Man fand ihn im Graben neben einer Landstrasse.» Mit diesem kühlen Satz zum rätselhaften Tod des Familienvaters Simon Brock beginnt der Bericht einer Familiengeschichte voller Grausamkeit und Unterdrückung. Die 1965 geborene Schweizer Autorin Ursula Fricker erzählt in ihrem Erstling aus der Perspektive der jungen Tochter, wie ein Vater seine Frau und seine zwei Kinder mit seinen fanatischen Überzeugungen in Bezug auf asketische Lebensführung und «gesunde» Essenvorschriften tyrannisiert. Kindern und Frau verunmöglicht der Mann durch seine radikalen Ansichten über «lebensrettende» Rohkost, sonntägliche Wandertouren und Selbstkasteiungen, ein normales Leben mit Gleichaltrigen und der Umgebung zu führen. Die Familie lebt immer mehr abgekapselt in ihren vier Wänden, wo der Vater alles kontrolliert. Die Beschreibung dieser schier unerträglichen, freudlosen Atmosphäre durch die Augen des Mädchens ergänzt Ursula Fricker durch Abschnitte, in denen das Leben des Familienvaters und seiner Frau von ihrer Jugend an aufgerollt wird. Bald weiss man: Aus solchen rückständigen und lieblosen Verhältnissen können keine selbstbewussten, lebensfreudigen Menschen erwachsen. Die Autorin zeichnet in wenigen gezielten Strichen die stockkonservativen Milieus und Elternhäuser von Simon Brock und seiner späteren Frau Elisabeth nach und liefert so die Vorgeschichte und psychologischen Hintergründe zu einer desaströsen Familiengeschichte. Ihre knappe, trockene Sprache formt dabei mit ihrer Schnörkellosigkeit, Kargheit und schonungslosen Direktheit die unerbittlich geforderte Askese nach.

Eine Trenninie

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