Grossmama packt aus

Trennlinie

05.04.2006BETTINA SPOERRI

Dieses Buch ist ein Unterfangen der besonderen Art: Der Versuch einer Autobiografie – aus der Sicht der eigenen Grossmutter. Die amerikanische Schriftstellerin Irene Dische lässt ihre rigorose katholische deutsche Grossmutter mit viel Ironie und schalkhaftem Augenzwinkern die Familiengeschichte in einem imaginierten Monolog aus ihrem Blickwinkel aufrollen: Ihre Ehe mit dem Juden Carl Rother im Deutschland der 1930er Jahre, die Bedrohungen durch die Nazis, die Geburt der Tochter Renate (der Mutter von Irene Dische), die Flucht nach Amerika und der schwierige Aufbau einer neuen Existenz bis hin zum schrittweisen sozialen Aufstieg im fremden Land, die Auseinandersetzungen mit dem jüdischen Schwiegersohn Dische und vieles mehr. Immer dabei: die asketisch-pflichtbewusste Haushaltshilfe Liesel. Genau genommen ist die Nacherzählung eine Rede aus dem Grab. Eine Rede, die – das die bissige Selbstironie der Autorin – vieles an der Enkelin Irene auszusetzen hat: Ihre Eigenwilligkeit, Widerspenstigkeit, Liederlichkeit und Verantwortungslosigkeit. Trotz der unablässigen Kritik der Grossmutter wächst einem die chaotische und aussergewöhnliche Familie Rother-Dische über die rund 360 Seiten immer mehr ans Herz.

Eine Trenninie

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