Jedermann

Trennlinie

29.08.2006BETTINA SPOERRI

Es beginnt mit dem Begräbnis, und es endet mit dem Tod. Dieser letale Zyklus, den Philip Roths neues Buch durchschreitet, steht für das ganze Leben seines Protagonisten. Der lebt von Krankheit zu Krankheit, von Tod zu Tod seiner Eltern, seiner Freunde, seiner Bekannten. «Everyman»: «Jedermann» nennt Philip Roth seinen Text; er spielt damit auf das allegorische Mysterienspiel aus dem, von der Grossen Pest heimgesuchten, europäischen Spätmittelalter an, in dem «Jedermann» – pars pro toto für alle Menschen – den Personifikationen des Todes, des Teufels und Gott gegenübertreten muss. Die Lebensgeschichte von Roths «Jedermann» liest sich wie ein Kompendium der Krankheiten und operationellen Eingriffe. Der stets kränkelnde Werbemann, der sich nach seiner Pensionierung als Malkursleiter betätigt, wird zudem von Neid und Eifersucht geplagt: Er verübelt seinem Bruder Howie, dass dieser vor Gesundheit nur so strotzt und obendrein in einer stabilen Ehe lebt. «Jedermann» ist ein Roth’scher Frauenheld: Mit seinen 71 Jahren hat er schon drei gescheiterte Ehen und unzählige Affären mit jungen Frauen hinter sich – seine Erinnerungen daran sind die lebenslustigsten in diesem Roman. Die eindringlichsten Schilderungen aber gelingen Philip Roth, wenn er an sein Trauerbuch «Patrimony» anknüpft und beschreibt, wie das Grab des Vaters nach altem jüdischen Ritus von den Familienangehörigen selbst zugeschaufelt werden muss oder wenn sich sein «Jedermann» wie Hamlet mit dem Totengräber unterhält.

Eine Trenninie

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