Liebesarchiv

Trennlinie

09.02.2007BETTINA SPOERRI

Vor einer Lesung stellt sich dem Autor eine ältere Frau vor und erzählt ihm, sie sei die Geliebte seines Vaters gewesen. Sein Vater ist mittlerweile tot, doch das Gesicht der Frau ruft Kindheitserinnerungen wach. Die Frau, Anna Altmann ist ihr Name, gibt ihm ihre Telefonnummer. Thomas aber zögert den Anruf immer wieder hinaus, bis er eines Tages einen Brief erhält, in dem ihm die Tochter von Anna Altmann mitteilt, dass ihre Mutter gestorben sei; sie bittet ihn, Briefe und Fotografien seines Vaters abzuholen. Langsam erinnert sich Thomas immer deutlicher an jenen Sommer im Jahr 1954, jenen Herbst und jene Weihnachten, als der Vater zu einer grossen Expedition aufgebrochen sein sollte – jene langen Wochen des Wartens, bis auch er und sein kleinerer Bruder verstanden, dass der Vater nicht beabsichtigte, je wieder zu ihnen zurückzukommen. Als der Vater nach Weihnachten doch plötzlich wieder im Haus wohnte, freute sich niemand; wie ein Fremder, ein «Zimmerherr», lebte der Mann nach seiner Rückkehr mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen, bis er bald krank wurde und nach langen Jahren starb. Anna Altmanns Tochter Vera und Thomas begeben sich auf die Spuren der Liebe zwischen ihrer Mutter und seinem Vater, welche diese acht Monate lang, trotz ihrer Ehen und ihrer Kinder, zu leben versuchten, die dann aber ein jähes Ende fand. Die Suche wird nicht nur eine Reise in die unbekannte Vergangenheit des Vaters, sondern auch in die Gegenwart der beiden erwachsenen Kinder. Urs Faes erzählt in diesem eindringlichen Roman knapp und zurückhaltend von Liebessehnsüchten, unerfüllten Hoffnungen und den Verletzungen eines Kindes, das seinen Vater zu lange vermissen musste.

Eine Trenninie

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