Meine Dibbuks

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09.03.2006BETTINA SPOERRI

Der Regisseur Luc Bondy, seit 2002 Intendant der Wiener Festwochen, in Zürich geboren, in Südfrankreich aufgewachsen, kann aus einem reichen Fundus an Lebenserfahrungen und Begegnungen schöpfen: Von seiner Kindheit in einem streng kalvinistischen Internat und seinen ersten Verliebtheiten bis hin zu seinen Lehr- und Wanderjahren und seinen Erlebnissen als angesehener Theatermann. «Meine Dibbuks» hat er sein Buch genannt, so heissen in der jüdischen Tradition Geister: Seelen von Toten, die von Lebenden Besitz nehmen; bei Bondy sind es auch die Seelen von Lebenden, die in ihm und in seinen Texten wiederkehren. Der Band beginnt mit der Auseinandersetzung mit dem Vater: Luc Bondy erzählt von seinem Vater, dem Literaturkritiker und -vermittler François Bondy, und zwar von der Zeit vor und nach dessen Hirnschlag und seiner langsamen Genesung. Der Sohn versucht eine Annäherung an den oftmals so fernen, mittlerweile verstorbenen Vater, der ihm heute näher scheint denn je. So wie dieser Text eine sehr eindringliche Studie dieses Vater-Sohn-Verhältnisses darstellt, so sind auch die anderen kurzen Texte in diesem Band nie anekdotisch wiedergegebene, nostalgische Erinnerung, sondern vorsichtige und subtile Reflexionen, deren Ausläufer bis in die Gegenwart weiter gesponnen werden. Mit leichten Füssen, wie ein Traumtänzer, bewegt sich Bondy durch seine Vergangenheit und hält sich aber immer wieder auch selbst einen Spiegel vor: Etwa wenn er darüber nachdenkt, wie er als Junge über seine Anpassungswilligkeit erschrak und später seine Nachahmung bewunderter Vorbilder (wie beispielsweise der Autor Eugene Ionescu) beinahe bis zur Selbstaufgabe trieb. Den bewundernden Satz, dass er ein Lebenskünstler sei, führt er in einem Tagesbericht, der zu einer tragischen Burleske gerät, selbstironisch ad absurdum. Manche Texte sind gar kleine Prosaskizzen, die ins Surreale hineinragen. Dieses Buch ist alles andere als eine Künstlerbiografie im üblichen Sinn - und doch erfährt man in dieser Ansammlung von kurzen Texten mehr über Luc Bondys Prägungen und seinen Blickwinkel auf die Welt als in mancher Monografie.

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