Menschenflug

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«Menschenflug» liest sich wie die Fortsetzung von Treichels 1998 erschienenem Roman «Der Verlorene». Ein Buch voller Selbstironie, für dessen Verständnis aber Treichels erster «Bruderroman» nicht gelesen werden muss. Zweiundfünfzig ist Stephan geworden. Seine Frau Helen ist Psychoanalytikerin, er arbeitet als Sprachkursverwalter an der Uni, zum Dozenten hat er es nicht gebracht. Im Alter von vierundfünfzig war sein Vater gestorben, jetzt fürchtet sich Stephan in einer Art verspäteter Midlife Crisis davor, nicht älter zu werden als sein Vater. Weil er sich mit sich selbst auseinandersetzen möchte, nimmt er sich eine einjährige Auszeit von seiner Frau und deren zwei Töchter, bezieht eine kleine Wohnung in einem anderen Stadtquartier Berlins und denkt über sein Leben, seine Herkunft und seine Zukunft nach. Ganz so ernst ist es ihm aber mit der Auszeit nicht: An den Wochenenden kehrt er gerne zu Helen zurück. Eine Reise zu zweit nach Aegypten ist mitten in dieser Auszeit dennoch geplant, doch Helen kann nicht mitkommen, weil es einer ihrer Töchter schlecht geht. In Aegypten lernt der Stephan eine Archäologin kennen. Dass Helen ein mehrtägiges Seminar mit ihrem ersten Mann besuchen könnte, passt ihm aber nicht. Der Eifersüchtige bringt es fertig, ihre Teilnahme zu verhindern. Und wie in Treichels Roman «Der Verlorene» der vermeintlich (und doch real) im Zweiten Weltkrieg verlorene Bruder in das Leben Stephans eingetreten war, meldet sich im Menschenflug ein Mann, der Stephans Bruder zu sein meint, weil er aufmerksam Stephans (oder doch eher Treichels) erstes Buch über den verlorenen Bruder gelesen hat. Die Suche nach dem verlorenen Bruder ist übrigens alles andere als erfunden: Treichel steht an seinen Lesungen dazu, dass es in seinem Leben wirklich einen Bruder gegeben hat, der als Säugling während der Flucht seiner Eltern vor den russischen Truppen aus der heutigen Ukraine verloren wurde. Erst nach der Publikation des neuen Romans hat sich der Autor vor kurzem auf die Suche nach dem Verlorenen gemacht. Ein hoch amüsantes Buch, in dem sich der Autor auch etwas über sich selbst lustig macht.

Eine Trenninie

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