Mit der Geschwindigkeit des Sommers

Trennlinie

23.05.2009

Dabei könnte alles so schön sein: Kiefernwälder, Weite, Blaubeeren, die Settiner Haff-Landschaft in Mecklenburg. In diese Naturschönheit wird zu DDR Zeiten eine Garnisonsstadt gebaut. Militär neben Plattenbauten, für die Familien der Offiziere. Im Sommer üben Panzer auf dem Betonhügel Schiessen, im Winter rodeln dort die Kinder. Hier wachsen die beiden Schwestern, Offizierstöchter, auf. Die Ältere wird sich später, zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR, als erwachsene Frau das Leben nehmen. Die Jüngere will deren Geschichte erzählen, erinnern und verstehen. Mit Jubel wird «die Revolution» von 1989 begrüsst. Doch allmählich begreift die Ältere, dass ihre Vergangenheit nicht mehr zählt. Mit der neuen, geschenkten Freiheit weiss sie nichts anzufangen. Was bleibt ist die Leere. Selbst die wiederbelebte, leidenschaftliche Affäre mit einem Soldaten rettet sie nicht. Ebenso wie der Ort verschwindet, die Betonbauten der Kasernenstadt werden abgerissen, wird sie selbst verschwinden. Julia Schoch wollte, wie sie in einem Interview sagt, «ein Gedankenbuch» schreiben. Nicht die äußere Wirklichkeit sei ihr wichtig. Bestimmend sei die «extreme Subjektivität». Kein Epos, sondern Verdichtung, gepaart mit intensiven, poetischen Bildern, kennzeichnet ihren unverwechselbaren Stil. Gerade darin liegt der Reiz des Buches. Zudem zeugt Julia Schochs leiser, kluger Tonfall von einer grossen Zärtlichkeit und Verständnis für ihre Figuren. Das macht, trotz aller Traurigkeit, das Lesen zu einem beglückenden Erlebnis.

Eine Trenninie

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