Muster aus Hans

Trennlinie

16.03.2009

«Hans ist anders als die anderen. Das sind die anderen auch. Es ist sein Anderssein, das anders ist.» So steht es am Beginn von Eleonore Freys Muster aus Hans. Mit denselben Worten wäre auch das ganze Buch treffend charakterisiert. Jeder Satz, der diesen Eingangssätzen folgt, hält inhaltlich und stilistisch, was die ersten drei versprechen. Hans ist eine jener Gestalten, die auf Biegen und Brechen nicht in die geschäftige Welt der gewöhnlichen Menschen passen wollen. Massig, bärtig, stumm steht Hans immer im Weg, er ist einer jener von der Gesellschaft Ausgeschlossenen, die viele fürchten und mehr noch beschimpfen. Ihrem Namen und Alter von dreiunddreißig Jahren entsprechend ist die Figur durchaus als Exempel zu verstehen. Gleichzeitig bleibt Hans ein Einzelfall. Sein Denken, das ein Denken in kleinen Schritten ist, macht sein Anderssein einzigartig. Freys Sprache passt sich diesem Rhythmus an und kommt damit viel weiter, als alle komplexe Theorie den Leser je bringen könnte. In kleinste Portionen unterteilt, überraschen die tiefsten Einsichten durch verblüffende Einfachheit. Muster aus Hans. Ein Bericht. Schon im Titel klingt der Tonfall des Buches an, der das wunderbare Paradoxon schafft, gänzlich nüchtern und gleichzeitig poetisch verfremdend zu sein. Wie der Titel changiert dieses Buch zwischen Wirklichkeit und Märchen – denn gerade das ist es am Ende, wenn der wilde Mann zum König wird, doch. «… kann ich nicht manchmal mit der Geige sagen, was ich in Worten nie gewusst habe?», fragt sich Hans’ Freund, und es sind diese Stellen, an denen uns beim Lesen plötzlich bewusst wird, was hier passiert: Eleonore Frey schreibt Sätze, die uns sagen, was wir in Worten bis jetzt nicht gewusst haben. «Das Außergewöhnliche an Eleonore Freys Buch ist, dass sie dem Leser die Welt von Hans nahe bringt, ohne ein Wort über das Krankkeitsbild Autismus zu verlieren oder zu psychologisieren. Allein über die Sprache führt sie den Leser zu der Erkenntnis, dass er sich mit einer Welt und Wahrnehmung auseinandersetzt, die nicht die seine ist. Die Sätze sind kurz, die beschriebenen Wahrnehmungen fragmentiert aber intensiv, die Formulierungen überaus exakt.»
Marie-Thérèse Vu, art TV

Eine Trenninie

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