Nachts um eins am Telefon

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12.10.2005BETTINA SPOERRI

Wenn Mitternacht vorbei ist, kann man sich am einsamsten fühlen. Wen man zu dieser späten Stunde noch anrufen kann, ist ein Freund – oder gehört zur Schicksalsgemeinschaft der Schlaflosen. Der Erzähler in Michael Köhlmeiers neuem Buch «Nachts um eins am Telefon» telefoniert regelmässig mitten in der Nacht. Seine Gesprächspartner sind der dicke Caligula alias Richard, seine Nachbarin Micheluzzi, die schöne Jetti, mit der er die «grosse Liebe» beschwört, die sie einmal verband, oder aber auch einmal eine Fremde, die auf eine zufällig gewählte Nummer antwortet. Die Stimmen in der Nacht erzählen sich Geschichten aus der Kindheit und der Jugend, von den Eltern, über Sehnsüchte, unerfüllte Träume, Projekte und Pläne, die gefasst, aber nicht ausgeführt werden. Manchmal sagen sich die Schlaflosen aber auch Unbarmherziges, sie streiten oder sie weinen – und trösten sich gegenseitig. Die nächtlichen Telefongespräche verbinden vier Menschen, die Nähe suchen, aber gleichzeitig auch Angst vor einer Veränderung haben. Und deshalb die räumliche Distanz am Telefonhörer brauchen. Immer deutlicher wird, wie die seltsamen Angewohnheiten zu Überlebensstrategien geworden sind, um sich im Allein- oder eben Einsam-Sein einzurichten. So beteuern sich Jetti und der Ich-Erzähler am Telefon immer wieder, wie gerne sie sich sehen würden, doch es kommt immer wieder doch nicht dazu: Einmal sind sie beide zu müde, das andere Mal zu unentschlossen. Und bis zum Schluss bleibt offen, ob sich das je ändern wird …

Eine Trenninie

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