Nemesis

Trennlinie

01.03.2011

Newark, die Heimatstadt Philip Roths, gibt auch in seinem neuesten Roman den Ort der Handlung ab: im Sommer des letzten Weltkriegsjahres breitet sich eine Polio-Epidemie aus, welche das jüdische Viertel ganz besonders betrifft. Der Protagonist, Bucky Cantor, ein junger Sportlehrer an der High-School, ist mit der Ferienbetreuung der Jugendlichen auf dem Schulsportplatz betraut. Seine Aufgabe nimmt er voller Idealismus wahr. Marcia, seine erste Liebe und Lehrerin an der gleichen Schule, engagiert sich derweil in einem Sommerlager für Kinder in den nahen Bergen. Als sich die Krankheit rasch ausbreitet und erste seiner Jugendlichen erkranken, flieht Bucky aus Angst, aber auch in Sehnsucht nach seiner Freundin in die Berge, um dort bei ihr im Lager auszuhelfen. Skrupel und Zweifel holen ihn rasch ein, weil er seine Jungen in der Stadt im Stich gelassen hat. Gedanken an eine Rückkehr werden bald hinfällig, denn er erkrankt selbst ... Als Erzähler gibt sich lange Jahre später Arnie, einer der Jugendlichen auf dem damaligen Sportplatz zu erkennen, der ebenso erkrankt war wie Bucky. Aus grosser zeitlicher Distanz kann Bucky gegenüber diesem Schicksalsgenossen seine Geschichte erstmals loswerden, eine Geschichte, die von grossem Idealismus in Scham, Selbsthass und Schuldgefühl umgeschlagen hat, nachdem er als einer, der als Kind selbst verlassen wurde, seine Jungen verlassen hat. Zahlreiche dialogische Passagen schaffen eine grosse Nähe zu den Figuren, doch erfahren wir auch viel von deren Innenwelt. Der Roman ist vielschichtig angelegt. Eine Geschichte der Angst, welche die Menschen aggressiv werden lässt; es kommt überall zur Suche nach Tätern, nach Schuldigen. Auch steht ein erbarmungsloser Gott unter Anklage. Jede historische Zeit kennt ihre ‹Epidemien›, welche die Gesellschaft oft dort treffen, wo sie am meisten zu verlieren glaubt. ‹Nemesis› – eine ergreifende Lektüre, die nachdenklich macht.

Eine Trenninie

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