Schweres Beben

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17.08.2005BETTINA SPOERRI

In seinem zweiten Buch «Schweres Beben» (der grosse Erfolg «Die Korrekturen» war sein drittes), erkundet Jonathan Franzen den Mikrokosmos Familie – als Gegenentwurf und Spiegel der grossen Politik mit ihren Intrigen und Machtspielen. Bei einem Erdbeben in einer Stadt, die Boston heisst, aber nicht nur Boston sein soll und kann, stirbt die Grossmutter von Louis Holland. Ihr Tod ist es, der die tieferen Schichten der Vergangenheit ans Tageslicht treten und explodieren lässt. Auslöser ist ihr Erbe: Die Millionen, gebunden in Aktien eines Chemie-Konzerns, der Farben und Pestizide, dann Napalm und später Lycra produziert, erschüttern die verkachelten Beziehungen in der Familie Holland. Gleichzeitig findet Louis’ neue Freundin, eine begabte Seismologin, heraus, dass die Erdbeben in der Gegend die Folge der skrupellosen Methode jener Firma sind, ihre giftigen Abwässer unter die Erde zu pumpen. Was als Seismogramm einer amerikanischen Mittelschicht-Familie beginnt – die Eifersucht des unbeholfenen, aber integren Bruders auf die ältere Schwester, die ihm ständig vorgezogen wird, eine hysterische Mutter und ein hilfloser Vater –, wird indes immer mehr zum Öko-Thriller. Dazu mischt Franzen eine Auseinandersetzung mit der Bigottie christlich-religiöser Abtreibungsgegner und den Mechanismen von Massenmedien. Ein überfrachtetes Schiff, das hinter «Die Korrekturen» zurück bleibt – ein Buch aber auch, welches das sprachliche und erzählerische Talent dieses Autors erahnen lässt.

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