Seerücken

Trennlinie

21.03.2011

Wagen wir doch mal ein Gedankenspiel. Uns steht eine Zeitkapsel zur Verfügung, die als Botschaft an unsere Nachfahren gerichtet ist. Wir dürfen darin nur ein einziges Buch deponieren. Spontan entschliessen wir uns für das neue Kurzgeschichten Buch von Peter Stamm. «Seerücken». Siebenhundert Jahre später gerät das Buch in die Hände der zukünftigen, neugierigen Erdbewohner. Nachdem sie vergeblich den Anschaltknopf gesucht haben, entdecken sie, dass sie das Ding einfach nur aufschlagen müssen. Beim Lesen begegnen ihnen keine Megastars, sondern: ein Mädchen, das allein drei Jahre im Wald wohnt, ein Pförtner, der vom grossen Glück in Kanada träumt, eine junge Frau, die ihren Freund mit erotischem Begehren überrascht. Ganz normale Menschen, die aus ihrem bisherigen Leben plötzlich ausbrechen. Sie suchen Geborgenheit und wollen gleichzeitig frei sein. Ihre Gedanken und Gefühle werden nicht blossgestellt, sondern in klarer Sprache, durch ihre Handlungen beschrieben. Ihr reiches Innenleben funkelt dem Leser der Zukunft ungebrochen entgegen. Er wird sehr viel darüber erfahren, wie wir jetzt 2011 leben, was Frauen und Männer aus den verschiedenen Generationen umtreibt. Trotzdem bleiben sie geheimnisvoll und sind nicht vollkommen durchschaubar. Gerade das macht das Buch von Peter Stamm so reizvoll: Er zeigt von seinen Figuren soviel wie nötig, um sie zu verstehen, und lässt ihnen dennoch ihr Privatleben. Keiner kann in der Literatur so gut höchste Präsenz mit wenig Worten hervorrufen. Und sehr wahrscheinlich können auch die Leser der Zukunft sich noch in den Geschichten wiederfinden. Sollte in ihnen aber bereits alles Menschliche ausgelöscht sein, finden sie nun garantiert den Reset-Knopf. Die Wahl für die Zeitkapsel erweist sich also als vortrefflich.

Eine Trenninie

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