Gelesene Wirklichkeit
Fakten und Fiktionen in der Literatur

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23.06.2006BETTINA SPOERRI

In diesem neuen Band mit Texten von Ruth Klüger sind Vorträge, Aufsätze und vor allem auch die Tübinger Poetikvorlesung von 2005 zum Thema «Wie wirklich ist das Mögliche? Das Spiel mit Weltgeschichte in der Literatur» versammelt. Und auch die Bonner Poetikvorlesung «Von hoher und niedriger Literatur», die lange vergriffen war, ist vom Wallstein Verlag verdankenswerter Weise in diesen Band wieder mit aufgenommen worden. Sehr lesenswert ist bei den gegenwärtigen Lobreden auf Wolfgang Koeppen auch ihr (2003 erstmals in «Literaturen» publizierte) Artikel über den Fall Littner-Koeppen. Scharfsinnig und präzis, aber immer auch diskret und beharrlich umkreisen Ruth Klügers Texte die Frage nach dem Verhältnis von Wirklichkeit und Literatur – was für sie immer auch die Frage nach dem Verhältnis von Ethik und Ästhetik bedeutet: Themen, die Ruth Klüger bereits in ihrer bekannten Autobiografie «weiter leben» (1997) mit klarem Blick thematisiert hat. Was geschieht, wenn man das eigene Leben mittels Erinnerungen schreibend rekonstruiert? In den neu veröffentlichten Aufsätzen und vor allem in ihrer jüngsten Poetikvorlesung von 2005 weitet Ruth Klüger ihre Reflexionen auf Beispiele der Weltliteratur und vor allem der deutschen Literaturgeschichte aus, wobei sie jeweils den neuralgischen Punkt zu berühren weiss: Souverän und ohne falsche Scheu referiert sie über die Historie in den Werken der Klassik, aber auch des „Simplicissimus» oder der Moderne – aber genauso kundig bezieht sie auch Philip Roth oder Amos Oz in ihre Überlegungen ein. Und weit entfernt von der Scheuklappenmentalität mancher Fachexperten stehen bei ihr konsequenterweise auch die Medien Film und Fernsehen (Stichwort Dokudrama) zur Diskussion.

Eine Trenninie

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