Zur gleichen Zeit
Aufsätze und Reden

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04.03.2008BETTINA SPOERRI

«Das charakteristische Merkmal unseres Universums», sagte Susan Sontag in ihrer Nadine-Gordimer-Vorlesung wenige Monate vor ihrem Tod, bestehe darin, «dass viele Dinge zur gleichen Zeit passieren». Und trotz der erschlagenden «Gleichzeitigkeit drastisch auseinanderklaffender menschlicher Schicksale» müsse ein Autor eine Geschichte erzählen und die Ausbreitung «reduzieren auf etwas Lineares, auf einen Pfad». Die insgesamt 16 Aufsätze und Reden der amerikanischen Publizistin und Autorin Susan Sontag, die der Hanser Verlag nun postum herausgegeben hat, widerspiegeln dieses Bemühen um richtige Entscheidungen. Trotz der thematischen Heterogenität der in dem Band versammelten Beiträge, die Sontag gemäss den Herausgebern Paolo Dilonardo und Anne Jump abgesehen von nicht mehr geschriebenen Texten in dieser Kombination und Reihenfolge für eine Edition geplant hatte, ist allen die ernste, mahnende Haltung, aber auch die ansteckende Begeisterung für Literatur gemeinsam. Ob Susan Sontag über das Leben und Schreiben von vergessenen und durch ihr Interesse ins kulturelle Bewusstsein zurückgeholten russischen Autoren wie Victor Serge oder Leonid Zypkin schreibt, über die Dreiecksbeziehung zwischen Pasternak, Zwetajewa und Rilke, über die amerikanischen Reaktionen auf 9/11 oder die posierenden amerikanischen Soldaten auf den unerträglichen Folter-Bildern von Abu Ghraib: Immer erzählt sie eine Geschichte, opponiert gegen Gleichmacherei, das Vergessen und die Rhetorik von Politik und Massenmedien.

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